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Die umgebende Natur wirkt auf den Menschen - warum nicht auch der Mensch auf die Natur, die ihn umgibt? In Italien ist sie leidenschaftlich wie das Volk, das dort lebt; bei uns in Deutschland ist sie ernster, sinniger und geduldiger.
... Auch die Natur hat ihre Geschichte und das ist eine andere Naturgeschichte als wie die, weiche in Schulen gelehrt wird. Irgendeine von jenen grauen Eidechsen, die schon seit Jahrtausenden in den Felsenspalten des Apennins leben, sollte man als ganz außerordentliche Professorin bei einer unserer Universitäten anstellen, und man würde ganz außerordentliche Dinge zu hören bekommen.
Heinrich Heine, "Die Stadt Lucca".
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Der Märchenweg Pescia-Collodi-Pescia
Dieser Weg, der als "Wanderweg" zu verstehen ist, wurde von der deutsch - italienischen Kulturgesellschaft am 6. Juni 1993 bei der ersten "Settimana della Fiaba" eröffnet.
Es handelt sich um einen Saumpfad, dessen Ursprung sich in der Zeit verliert (einige behaupten er stamme aus der Römerzeit ... ). Bis vor einigen Jahrzehnten war er eine echte Verbindungsstraße zwischen Pescia und Collodi. Pflasterstücke, die ab und zu noch zu sehen sind, stellen einen unleugbaren Beweis - leider stummen - seines Alters dar. Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das Beste, was man von ihnen lernt, ist nicht mitzuteilen - J. W. Goethe, Aus Makariens Archiv, 103.
Am Beginn dieses Weges, der - so wenigstens diejenigen, die ihn wieder entdeckt und -getauft haben - ein Teil der Europäischen Märchenstraße werden soll, steht

die Kinderbibliothek (Foto, Stadtplan: Nr. 14), auf deren Fassade die Studenten der Hochschule der Künste aus Bremen einige Bilder gemalt und somit eine Erinnerung ihrer Beteiligung an der "Settimana della Fiaba" (24. Mai - 6. Juni 1993) hinterlassen haben.
Der Weg, gekennzeichnet mit Nummer 460 und den Farben weiß und rot, wird - bei der "Biennale della Fiaba» 1995 - mit weiteren Hinweisen angereichert, die eigens dafür von den Jugendlichen der Handwerkskammer Münster geschaffen und installiert werden.
Für die Deutschen, seit jeher sehr empfänglich für direkte Beziehungen mit der Natur, ist so eine Erfahrung unbedingt zu empfehlen. Eine faszinierende Wanderung, die man in zwei Stunden bewältigen kann. Es können aber auch ruhig drei Stunden werden, wenn man keine Eile und noch dazu Lust hat, eine einzigartige Landschaft zu geniessen.
Die Kinderbibliothek hinter uns gelassen, gehen wir gleich nach links, und dann, das Kloster San Michele streifend, wieder nach links. Von hier aus beginnt die "Via della Cappella". Wir befinden uns schon auf dem Weg, der sofort etwas ansteigt. Das langsame Gehen wird uns erlauben, die Hügel, welche Pescia umkränzen, zu bewundern und mit so einer Aussicht, schreiten wir einige hundert Meter weiter
Nach rund einem Kilometer werden wir von einer winzigen Kapelle überrascht. Die sogenannten "Marginine" - es gibt viele davon - die die Gläubigkeit der Vorväter bezeugen und uns daran erinnern, daß wir nicht ganz allein bei dieser Wanderung sind ...
Jetzt kommen wir auf die Straße, die von Pescia durch Collecchio nach Monte a Pescia führt.
Wunderschöne kleine Dörfer, die noch vor kurzem nur zu Fuß zu erreichen waren, sind heute noch mit Pescia durch viele Abkürzungen verbunden. Diese aber sind nur den Einheimischen bekannt. Der Fußweg von Monte a Pescia ist noch begehbar. Wir hoffen mit dem "Märchenweg" den 'Weg zu retten, der bei der Kirche von Collecchio beginnt.... Die übrigen Wege aber, die seit Jahren nicht mehr begangen werden, sind heute von Unkraut überwuchert und zu einem traurigen Ende verurteilt.
Wir befinden
uns nun bei dem "Eisenkreuz", auf der sogenannten Marzallastraße (Zeichnung).
Über diesen Ortsnamen gibt es verschiedene, interessante Deutungen. Auf der Zeichnung erkennt man im Hintergrund die Villa "Il Chiarino" und den Hügel "Cirindomini".
Von hier aus geht es durch Olivenhaine bergab nach Collodi.
Ungefähr auf halbem Weg werden wir durch ein unverkennbares Geplätscher erfreut. Es handelt sich um ein Bächlein, "La Dilezza", das für die Reinheit seines Wassers bekannt ist. Eine schöne mittelalterliche Brücke (Zeichnung), welche unbedingt renoviert werden müßte, führt uns weiter, diesmal leicht bergauf, zu
Gärten mit immergrünen Pflanzen, die das lokale Blumenhandelszentrum - lebenswichtig für die Wirtschaft der Stadt - beliefern. Wir sind schon in der Nähe von Collodi, überqueren noch einmal eine Straße - auch diese vor kurzem erbaut - und nun geradeaus, nach einigen hundert Metern, sind wir gerade unterhalb der Villa "Garzoni", wunderschöne Herrscherin und zugleich Wächterin über Collodi. Diese Villa wurde fast eroberungssicher von einem Pesciatiner errichtet, der gezwungen wurde, seine Stadt zu verlassen und nach dessen Familienamen die Villa benannt wurde. (Pescia war, wie viele toskanische Städte bei den mächtigen Nachbarn, den Florentinern, Lucchesern oder Pisanern, sehr begehrt. Das führte zu blutigen Kämpfen, die regelmäßig mit dem Exil der Verlierer oder derjenigen, die sich nicht zu den Siegern bekannten, endeten ...)
Dem an einen Hügel geklammerten Collodi (siehe Zeichnung unten) sollte man etwas Zeit widmen, auch weil - nebenbei gesagt - die steilen Gäßchen kein schnelles Tempo erlauben.... Wenn man aus der Unterführung der Villa Garzoni kommt, ist man schon auf dem alten Eingangsweg zum Dorf. Früher mußte man, um überhaupt nach Collodi hinein zu kommen, durch die Villa gehen, deren Besitzer somit immer eine absolute Kontrolle über die entsprechenden Bewegungen erhielten. Jetzt kann dieser Weg nicht mehr benützt werden. Er ist durch ein verrostetes Gitter, stummer Zeuge ruhmreicher Zeiten, geschlossen. Dafür wurde aber gleich nebenan ein Weg eröffnet, der zum Dorf führt. Aus diesem Winkel kann man einen "italienischen" Garten bewundern, der - auch wenn er langsam verfällt - noch die Zeichen alten Adels trägt... Das Dörfchen "Collodi", das durch Carlo Lorenzini weltbekannt wurde, ist eng mit der Figur Pinocchio
verbunden, der von Papa Geppetto in einer winzigen Tischlerwerkstätte erschaffen wurde. Es empfiehlt sich, bei dem ersten Plätzchen, einem Amphitheater ähnlich, mit vielen gut erhaltenen Häusern, stehenzubleiben. Es gibt hier einen Waschplatz, der auch heute noch benutzt wird. An einem Brunnen, der reines Wasser speit, kann man sich erfrischen und sich für einen Moment die Lebendigkeit des Ortes vorstellen, an den sich regelmäßig unsere Großmütter trafen, um ihre Wäsche zu waschen und dabei wie üblich zu plaudern...
Nachdem man sich erholt hat sollte man noch weiter gehen, durch kleine Gäßchen, die immer steiler und schwieriger werden, da die Treppen oft durch das Alter abgenutzt sind. Überall gibt es schöne, kleine mit Blumentöpfen verzierte Häuser. Nach einer besonders heftigen Steigung, kommen wir an einen Platz, auf dem das Pflaster dem grünen Grase weichen mußte. Hier kann man aufatmen und sich auf den Treppen der Kirche hinsetzen - es gibt noch zwei davon, in denen Gottesdienst gehalten wird. Man kann leicht den Blick auf die Provinzen von Lucca
oder Pisa werfen oder an die Befestigungsmauer angelehnt, dem Fluß "Pescia von Collodi" folgen, der sich zwischen zwei steilen Hängen windet. Die ganze Landschaft wird weiter unten ausgedehnter und breiter, Hier, zur Freude der Kleinen und der Großen, liegt der Pinocchio Park mit dem Gasthaus "Zum roten Krebs". Ein bezauberndes Tal, eines der vielen Täler der Lucchesia, das Heinrich Heine in seinen "Bädern von Lucca" (Die Bagni di Lucca liegen weniger als 20 km von Collodi entfernt) so treffend beschreibt:
"Der Hauptzauber dieses Tals liegt aber gewiß in dem Umstand, daß es nicht zu groß ist und nicht zu klein, daß die Seele des Beschauers nicht gewaltsam erweitert wird, vielmehr sich ebenmäßig mit dem herrlichen Anblick füllt, daß die Häupter der Berge selbst, wie die Apenninen überall, nicht abenteuerlich gotisch erhaben mißgestaltet sind, gleich den Bergkarikaturen, die wir ebensowohl wie die Menschenkarikaturen in germanischen Ländern finden: sondern, daß ihre edelgeründeten, heiter grünen Formen fast eine Kunstzivilisation aussprechen, und gar melodisch mit dem blaßblauen Himmel zusammenklingen."
Nach einer kleinen zusätzlichen Anstrengung gelangt man endlich zu der Schloßruine, der einstmaligen Krönung des so trutzigen Dorfes.
Hier am Collodi-Schloß fängt der sogenannte "Valleriana Trekking", ein Wanderweg durch die "Pesciatiner Schweiz" an. Jetzt sieht die Umgebung ganz anders aus. Am Anfang trifft man noch Olivenbäume und Weinberge an, aber gleich danach läuft der Weg durch den Wald und bietet herrliche Ausblicke. Wir können einen großen Teil der Toskana überblicken. Es ist schwer, Ratschläge zu erteilen. Der einzelne Wanderer möge sich je nach seiner Vorliebe entscheiden, seltene Pflanze zu bewundern oder sich einfach vom Grün mit seinen verschiedenen Schattierungen berauschen zu lassen. Er kann die vielen Hügel durchstreifen und dabei versuchen die wichtigsten Dörfer in der Ebene zu erkennen, bis zu den Chiantihügeln hin. Er kann seine Aufmerksamkeit den gegenüberliegenden Erhebungen widmen, wo von weitem die Türme von San Miniato herausragen; dann langsam seinen Blick über die Weinberge von Montecarlo schweifen lassen, das mit seinem hohen Turm das Valdinievole beherrscht und abschließt. Der Blick reicht noch weiter in Richtung San Gimignano oder Volterra, um dann durch die Pisaner Berge, die Lucca von Pisa trennen, angehalten zu werden .... Oder er kann sich einfach in der Unendlichkeit verlieren, wo ab und zu das Meer aufblitzt... Auf dem "Valleriana Trekking", auf dem wir uns noch befinden - nach ungefähr einem Kilometer -, biegt rechts ein Abkürzungsweg ab. Diesen muß man einschlagen, um zurück nach Pescia auf den "Märchenweg" zu gelangen. Wir werden bei den "Dilezzas" Quellen vorbeigehen - das Bächlein, auf das wir schon bei der «mittelalterlichen » Brücke getroffen sind - und dann wieder bergauf in Richtung "Crocialino" gehen. Hier gibt es viele Wege, die sich kreuzen - vielleicht daher der Name... Wir haben es leicht, es gibt außerdem entsprechende Hinweise: wir müssen sofort nach rechts abbiegen.
Die Umgebung ist jetzt weniger wild und nach fast einem Kilometer kommen wir zu dem ersten Bauernhaus, einst von meinem lieben, alten Freund "Cecco" bewohnt. Er war ein wunderbarer, treuer Bauer, von dem ab und zu in den Märchen noch zu lesen ist...
Ihm widme ich in dankbarer Zuneigung diese Zeilen.
Jetzt kann man schon Pescia zwischen den Bäumen erkennen. Wir sind auf dem Collecchio, einem der schönsten Hügel der Gegend. Der Weg verläuft recht bequem zwischen uralten Olivenbäumen. Ab und zu trifft man auf restaurierte Bauernhäuser. Bauern gibt es leider keine mehr, als letzter verließ uns "Cecco" Mitte der 80 Jahre für immer. Ihren Platz haben Menschen eingenommen, die das Land sehr lieben, aber kaum imstande sind, es so zu pflegen, wie dies früher der Fall war. Menschen aber, die von den harten Mühen um das tägliche Brot der bäuerlichen Familien wissen, Mühen, die ihnen der schöne, aber undankbare Hügel auferlegt hat. Nun versuchen sie wenigstens die Erinnerung an diese Bauern wach zu halten und stemmen sich dem unwiderruflichen Untergang entgegen, zu dem die nicht mehr bewohnten und gepflegten Hügel verurteilt sind. Die heute so leichte Wanderung bietet Gelegenheit zum Nachdenken.... Man erinnert sich an das resignierte Bedauern, mit dem "Cecco" von der in die Landschaft gefrästen Straße sprach, die seinen Hügel geradezu vergewaltigt hatte ... Er, der nie der Verlockung der sogenannten Bequemlichkeiten erliegen wollte, er, der bis zum letzten Tag mit Zweigen und Kleinholz - das einzige überhaupt, worauf ein Halbpächter Anspruch hatte - geheizt und gekocht hat. Er war ein Ehrenmann, immer diskret (bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich ihn zum Lachen brachte, hielt er instinktiv die Hand vor den Mund, als wolle er sich dafür entschuldigen, fast keine Zähne mehr zu haben ... ), ein echter Lehrer, der - im Gegenteil zu den "Goetheschen Steinen" - doch fähig war, das Erlebte zu

vermitteln. Des öfteren habe ich ihn dabei ertappt, wie er auf einem Terrassenrand saß, um sich auszuruhen, neben sich seine vom steten Gebrauch schon stark abgenutzte Sichel. Stumm und in sich versunken schaute er in das Valdinievole, das greifbar nahe vor ihm lag.
Ohne es zu bemerken sind wir bei der Kirche von Collecchio angekommen.
Von dort aus können wir im Hintergrund von der Kirche San Vito (12. Jahrhundert) einen Teil der "Pesciatiner Schweiz" (Zeichnung) sehen. Von hier aus geht es - direkt bergab und schnell - nach Pescia. Man kann noch die alten Steine, mit denen die Bauern einmal mit großer Geduld und Mühe ihre Wege gepflastert haben, bestaunen. Hier waren bis vor kurzem - wie "Cecco" zu pflegen sagte,"die Hügel wie Gärten".
Das "Bareglia"-Schloß und die alten Befestigungsmauern geben uns noch eine Ahnung von dieser adligen Stadt, einst reich und berühmt durch Papier und Seide.
Wir sind endlich auf dem Platz des "Palagio" eines hervorragend restaurierten Palastes, den die Stadt einem berühmten Sohn gewidmet hat. Dieser Palast bewahrt die Gipsabgüsse von Libero Andreotti auf. Nicht nur Pescia., sondern ganz Italien kann mit Recht stolz auf diesen modernen Bildhauer sein.
Und somit sind wir am Ende der Wanderung angelangt, und Sie sind sicher mit mir einer Meinung, daß es sich gelohnt hat, diesen "Märchenweg "zu gehen ....
(Nino Campagna)



